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A. Colin Wright

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Geisterbahnhöfe (Translation of Ghost Stations)
By A. Colin Wright
Posted: Friday, May 01, 2009
Last edited: Thursday, December 03, 2009
This short story is rated "PG" by the Author.
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German translation (by a friend of mine) of "Ghost Stations" below. Just in case anyone would like to read a story set in Germany in German!

 GEISTERBAHNHÖFE

                                   von

                     A. COLIN WRIGHT

      (ÜBERSETZT VON FRITZ BAUER)

Der Zug verlangsamt seine Fahrt, ehe er aus dem Tunnel auftaucht und in einen Bahnhof einfährt, der, wie mir bekannt, düster und verlassen ist. Sein Name steht mit schwarzen gotischen Buchstaben auf verwitterten Tafeln, die seit den dreißiger Jahren oder länger hier hängen. Ich stehe gespannt an der Tür, um in den Sekunden der Durchfahrt jeds Detail zu erfassen. “Stadtmitte” lese ich. Ich erkenne flüchtig eine breite Treppe, die von abgesperrten Durchgängen nach unten führt—und auf dem Bahnsteig ein kleines Wärterhäuschen, das in vergangenen Tagen einen Kontrolleur gedient haben könnte. Vielleicht sitzt auch jetzt jemand dort, der still diese Geisterzüge aus einer anderen Welt beobachtet. Aber wir fahren immer zu schnell vorbei, um etwas sicher zu erkennen. 

Eine ängstliche weibliche Stimme hinter mir fragt: “Warum halten wir nicht?” Ich drehe mich überrascht um. Die anderen Fahrgäste sitzen in normaler Gleichgültigkeit. Sie sind es schon lange gewöhnt, diese düsteren Tunnel unter der kommunistischen Hauptstadt zwischen den modernen und hellerleuchteten Bahnhöfen des Westens zu durchqueren. Die grauhaarige Frau in den Sechzigern schaut indessen so, als ob sie aussteigen wolle.

“Wir sind unter Ostberlin”, erkläre ich, was mir sehr gut bekannt ist, obwohl ich mit dieser Linie noch nie gefahren bin. “Die Westzüge fahren unter Ostberlin durch, ohne zu halten”—wir werden schneller, als wir wieder in den Tunnel tauchen. “Alle Bahnhöfe sind hier geschlossen.”

Ich bin sozusagen eine Art Sammler von Untergrundbahnen. Ich weiß alles über sie. Die Londoner Tube, die Pariser Metro, die New Yorker Subway und sogar die modernen russichen Metros: solche Systeme haben mich von Kindheit an fasziniert. Ich habe deutsch gelernt, um in Berlin seine beiden Bahnen, die U-Bahn und die oben laufende S-Bahn (die an manchen Stellen aber auch unter der Erde fährt), und all die Besonderheiten ihres Betriebes kennen zu lernen, die durch die Teilung der Stadt entstanden waren.

“Aber sie halten doch immer”, wiederspricht mir die Frau. “Ich habe mein ganzes Leben in Berlin gelebt. Haben wir nicht eben am Bahnhof Kochstraße gehalten? Dann kommen Stadtmitte, Französische Straße, Friedrichstraße, Oranienburger Tor and der Stettiner Bahnhhof... ”

“Sie nennen ihn jetzt Nordbahnhof”, berichtige ich sie. Aber sie hört nicht zu. “Und ohnehin gibt es dort keinen Bahnhof mehr.”

“Und ich müßte in Stadtmitte nach Alexanderplatz umsteigen! Oh nein”—als wir wieder langsamer in den nächsten Bahnhof, so geisterhaft wie der erste, einfahren und ohne zu halten durchfahren—“gibt es einen Luftangriff, oder? Aber”—sie ist verwirrt—“das beträfe nur die oberirdische Bahn, nicht die Untergrundbahn.”

“Sie können nicht mehr in Stadtmitte umsteigen.” Ich zeige ihr meine Karte. “Man konnte das früher, aber die andere Linie ist im Osten. Sehen Sie”—ich zeige auf die Zeichenerklärung in der oberen Ecke, “ein weißes Rechteck: ‘Bahnhöfe, auf denen die Züge nicht halten’” (seit mehr als zwanzig Jahre). “Wir fahren von Süd nach Nord unter Ostberlin, wo es mit dem alten Stadtzentrum wie ein Sporn hineinragt, bis wir wieder in den Westen kommen, hier an der Reinickendorfer Straße.”

Sie versteht nichts. “Ich werde wohl in Friedrichstraße umsteigen und die S-Bahn nehmen müssen. Und schließlich”—ihre Aufregung macht einer plötzlichen Erleichterung Platz—“habe ich Kurt auf den Bahnsteigen der letzten zwei Bahnhöfe nicht gesehen, oder? Aber die Züge halten immer.”

Wir werden schon wieder langsamer, ehe ich darauf hinweisen kann, daß das augenscheinlich nicht der Fall ist.

“Sehen Sie, was habe ich Ihnen gesagt? Wir halten doch am Bahnhof Friedrichstraße.”

Triumphierend mit verlorener Hoffnung schaut sie in meine Augen. Wenn sie eine Berlinerin ist, wie kann sie dann nicht wissen, was schließlich ein Allgemeinplatz ist, daß Friedrichstraße noch ein Hauptumsteigebahnhof für das ganze System ist, eine kleine Enklave des Westens im Zentrum von Ostberlin? Diese U-Bahn-Linie kreuzt mit einer hier unterirdisch verlaufenden S-Bahn. Oben fährt eine andere S-Bahn zurück in den Westen—oder von einem anderen Bahnsteig, der durch eine hohe metallische Wand abgetrennt ist, auch nach dem Osten, wobei man allerdings zuerst durch einen Kontrollpunkt muß. Diese Linie müßte die Frau nehmen, um zum Alexanderplatz zu kommen.

“Natürlich, wenn er hier auf dem Bahnsteig ist, müßte ich nicht weiterfahren.”

Die Türen öffnen sich, und sie verschwindet im Strom der anderen Fahrgäste. Verrückt, denke ich, und ich bin gespannt, ob sie durch den Kontrollpunkt geht. Ich war schon im Osten und kenne deshalb die Prozedur: sich vor Milchglastüren mit den Aufschriften “Für Ausländer”, “Für Bürger der Bundesrepublik,” “Für Westberliner” in die entsprechende Schlange einreihen, den Paß prüfen lassen, für 5DM ein Tagesvisum erwerben und dann noch obligatorisch nicht zurücktauschbare 25DM wechseln... Das alles fasziniert mich. Mein Interesse an Transportsystemen und Ähnliches begann in England, als meine Großmutter starb und wir einige Tage in ihrem Haus in London verbrachten. Während meine Eltern den Nachlaß durchwühlten, begann ich aus Langeweile und Einsamkeit, Karten von den Untergrundlinien zu zeichnen und die Stationen auswendig zu lernen. Manchmal gaben mir meine Eltern einen Schilling, damit ich aus dem Hause ging und ihnen nicht im Wege war. Jetzt als die Frau gegangen ist, kehren meine Gedanken zu den Geisterbahnhöfen zurück. Es kommen noch drei von ihnen, unheimlich und verlassen wie Fossilien einer früheren Zeit, ehe wir wieder unter der Mauer hindurch irgendwo in die üblichen effizienten westlichen Bahnhöfe einfahren. 

   

Es war zwei Tage später, als ich die Frau wiedersah, diesmal auf dem Bahnsteig der S-Bahn unter dem Anhalter Bahnhof, der einst der belebteste Endbahnhof Deutschlands war. Jetzt ist er nicht mehr als eine zerfallende Fassade mit von Unkraut überwucherten Gleisanlagen, auf denen früher die Züge der Hauptstrecken hielten.

“Es ist schrecklich, schrecklich.” Die Frau schaute mich nicht an. Ich war nicht sicher, ob sie mich erkannt hatte. “Sie müssen in der Nacht gekommen sein. Ich glaubte die Briten wären anständige Leute, aber sie sind Monster. Warum werfen sie Bomben auf unschuldige Menschen?”

Ich schaute das Gleis entlang, um zu sehen, ob unser Zug kommt. Dann fragte ich, wohin sie diesmal fahre.

“Alexanderplatz,” sagte sie. “Ich wollte am Gleisdreieck einsteigen, aber sie sagten, diese Linie wäre geschlossen.” Sie hatte recht. Man hatte sie dort abgesperrt, wo sie nach Ostberlin hinüberführte. “Am einfachsten wäre es, ich würde zum Anhalter Bahnhof laufen. Dann habe ich gesehen, was jene Monster damit gemacht haben. So muß ich in Friedrichstraße oder Potsdamer Platz umsteigen.”

“Besser wieder in Friedrichstraße”, riet ich ihr. Der  Potsdamer Platz, einst das Piccadilly von Berlin, war eine öde Wildnis in der toten Zone an der Mauer, einer von jenen Orten, wo ich von einem Aussichtsturm im Westen hinübergeschaut hatte über Stacheldraht, auf Scheinwerferbatterien und auf Hunde, die von Posten in eintönig graugrünen Uniformen geführt wurden. Der S-Bahnhof hier würde ein weiteres Relikt sein, an welchem wir nicht halten würden, und der U-Bahnhof, mit dem er verbunden war, war von Ostberlin in ein Museum umgewandelt worden. Ich fragte: “Haben Sie den Alexanderplatz neulich erreicht?”

“Ja gut,” sagte sie. “Das war, wo ich Kurt auf Wiedersehen sagte. Aber ich muß ihn heute sehen, ich mache mir soviel Sorgen um ihn seit der schrecklichen Überflutung.”

Seit meiner Ankunft in Berlin hatte es nicht geregnet. Die Einfahrt des Zuges hinderte mich daran nachzufragen. Wie ich erwartete, war die Frau wieder bestürzt, als wir quietschend ohne zu halten durch den leeren Bahnhof Potsdamer Platz fuhren. Unter den Linden glaubte sie, eine Figur im Kontrollhäuschen zu sehen. “War das Kurt?”

War da wirklich jemand, oder haben wir beide uns das nur eingebildet?

Als sie in Friedrichstraße umstieg, entschloß ich mich, mit ihr zu gehen. Zuerst selbstsicher, nahm sie den Weg auf die Stufen in der Mitte des Bahnsteigs hinauf, dann wurde sie verstört. “Nein, das ist nicht richtig.” Sie ließ mich nicht zu Wort kommen, sondern hielt einen anderen Mann an, der ihr den Weg zu den auf- und zuschlagenden Glastüren des Kontrollpunktes zeigte. Es war Sonnabend, und es gab lange Schlangen. Mich interessierte, ob sie wußte, an welcher Reihe sie sich anstellen mußte. Aber ein ostdeutscher Posten versperrte ihr sofort den Weg.

“Aber ich muß zum Alexanderplatz. Ich muß Kurt finden!”

Der Posten blieb fest, und sie gab es bald auf, mit ihm zu streiten. Ich fragte ihm, ob er ihr nicht helfen könne.

Er war so überrascht, daß er antwortete. “Sie ist verrückt, diese Frau. Sie kommt jeden Tag hierher. Es ist immer dasselbe. Sie hat nie Dokumente bei sich, sonnst könnte sie durch die Kontrolle gehen. Dann setzt sie sich eine Stunde,”--sie hatte schon auf einer Bank Platz genommen—“dann troddelt sie wieder nach Hause. Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit mit ihr.”

Im geschäftigen Alltagsleben hätte ich mit den Achseln gezuckt und sie vergessen. Aber schließlich gehörte die Frau irgendwie zu dieser Untergrundwelt, ich hatte Urlaub und verfolgte—in einer Weise etwas besessen, wie ich zugeben muß—mein einziges Hobby. Ich habe nicht Frau noch Kinder, die Ansprüche an mich stellen. Meine Großmutter war der einzige Mensch, den ich je liebte, und sie verließ mich, indem sie starb, als ich sie brauchte. Warum sollte ich mir nicht gönnen, diese Tiefe zu erforschen? Solche Systeme arbeiten zuverlässig, während die Oberfläche voller Gefahren, Hindernisse und Mauern ist, die der menschlicher Verstand bewußt geschaffen hat. Ich setzte mich neben die Frau und dachte, was für eine großartige Abwechslung es ist.

“Es ist immer gesperrt,” sagte sie. “Es muß wegen der Flut sein.”

“Welche Flut?” fragte ich jetzt.

“Sie haben nichts gesagt? Es muß ein Unglück gegeben haben. Ich sagte Gute Nacht zu Kurt—wissen Sie, wir wollen heiraten—und ich war auf meinem Weg nach Hause mit der U-Bahn. Irgendwo stieg ich um. Der Bahnsteig war voller Menschen, die hier im Untergrund im Begriff waren, sich schlafen zu legen, weil die Briten uns bombardieren.  Plötzlich kam ein Grollen aus dem Tunnel, und eine gewaltige Wasserwelle rauschte heran. Die Leute bemühten sich aufzustehen und kämpften, um die Treppe zu erreichen. Da ich gerade erst herunterkam, war das für mich nicht schwierig. Aber ich denke, einige sind ertrunken.”

 

Die ankommenden Fahrgäste bildeten vor uns fortwährend Schlangen. Die Kriegsjahre waren lange vergessen in der Realität einer Stadt, die wieder aufgebaut war, aber für immer in zwei Teile gespalten. Ich erinnerte mich, daß am Ende des Krieges Hitler die Tunnel unter dem Fluß hat sprengen lassen, damit die Russen sie nicht nutzen konnten, um zum Zentrum der Stadt zu gelangen. Aber wie zuverlässig waren die Erinnerungen der Frau? Fuhren damals überhaupt noch Bahnen? Ich mehr als alle andere hätte wissen sollen.

“Und ich weiß nicht, was mit Kurt geschah!”

“Was machte er? Was war sein Beruf?”

“Machte? Sie sagen machte? Er ist Inspektor bei der Untergrundbahn. Er fährt überall herum”, sagte sie voller Stolz, “aber seine Basis ist der Alexanderplatz.”

Das wäre auch ein Beruf für mich gewesen, wenn meine Eltern mich nicht gezwungen hätten, zur Universität zu gehen.

“Er ist natürlich Invalide”, fuhr sie fort, “sonst wäre er an der Front. Er ist in Nordafrika verwundet worden. Man gab ihm das Eiserne Kreuz.” Sie schaute mich an. “Sind Sie nicht etwa Kurt in Verkleidung, und spielen Sie mir einen Streich? Nein, Sie sind älter. Er ist nicht sehr hübsch,” flüsterte sie. “Er sieht sogar ein bißchen wie Himmler aus. Aber er ist charmant und ein wirklicher Held.” Unerwartet fing sie an zu weinen, als hätte sie etwas für einen Augenblick in die Realität zurückgebracht. “Sie halten mich hier immer auf, aber andere lassen sie durch. Man läßt Sie bestimmt auch durch. Können Sie nicht für mich zum Alexanderplatz fahren und ihm eine Nachricht überbringen? Sagen Sie ihm, er soll mich am Potsdamer Platz am dortigen Kiosk treffen. Er wird schon wissen, wo ich meine.”

   

So kommt es, daß ich mich wieder auf dem Weg hinüber in den Osten befinde, mit einem Namen, einem Photo und einer Adresse, die vielleicht gar nicht mehr existiert, um einen Mann aus vergangenen Zeiten zu suchen, den ich nie finden werde—um ihm die Nachricht zu bringen, er solle eine verrückte Frau treffen an einem schon lange zerstörten Platz, der unzugänglich von Ost und West zwischen Mauern und Stacheldraht liegt. Ein Spiel, so scheint es mir. Ich kann nicht sagen, warum ein derartig scheinbarer Ausflug in die vierziger Jahre mich so erregt. Als die Frau zuletzt ihren Liebhaber sah, war ich erst ein Kind, in einem anderen Land, wo die Bomben genau so fielen, wo Großmütter starben und die Eltern sich nicht um Kinder kümmerten, sodaß man seine Flucht in Verkehrsnetzplänen und Untergrundbahnsystemen suchte.

Der Posten in seinem Häuschen vergleicht jedes Detail meines Gesichts mit dem Photo im Paß, dann stempelt er seine Genehmigung auf eine Karte und gibt sie mir, um meine Gebühr zu bezahlen. Eine Frau wechselt mir das Geld, das gefordert wird, und ich dränge mich an eine Menge auf Besucher wartender Leute vorbei, die die Straßen dieser anderen, wenn auch merkwürdig ähnlichen Welt bewohnen. Ich steige die Stufen zur S-Bahn hoch auf einen Bahnsteig, der durch einen Metallzaun von den mir mehr bekannten Zügen getrennt ist, die nach dem Westen zurückfahren.

Sie hat mir erzählt, ich solle Kurt auf allen Bahnhöfen suchen, aber wie soll ich ihn erkennen, einen Mann, der ungefähr 70 sein muß, nach einem Bild, auf dem er 24 Jahre war? So schaue ich auf junge wie alte Männer, jedes Detail ihres Gesichts betrachtend. Ein Zug fährt ein, alt und klapprig. Alle Fahrgäste steigen aus und verschwinden nach unten. Einst ist er weiter nach dem Westen gefahren, jetzt wird er aber umkehren und über die Museuminsel zurückfahren, die von der Spree, dem schmutzigen Fluß Berlins, umströmt wird. Der Zugführer geht zum anderen Ende des Zuges, als ich einsteige. Marx-Engels-Platz, lese ich am nächsten Bahnhof, dann kommt Alexanderplatz. Hier steige ich die Treppen hinunter und stoße auf einen modernen betonierten Platz mit einem Komplex von Hotels und Geschäften rund um die hohe Röhre des die Stadt beherrschenden Fernsehturmes.

Aber ich muß die Welt der vierziger Jahre finden. “Auf eine der Linien vom Alexanderplatz aus,” hat sie mir gesagt, “muß er sein.” So steige ich wieder zur Untergrundbahn ab, die hier stärker bevölkert ist als im Westen. Als ich auf dem Bahnsteig warte, wird mir bewußt, daß ich eine Linie von hier nicht mehr nehmen kann. Irgendwo unter mir, schwer verstellbar, muß der Geisterbahnhof Alexanderplatz liegen. Dort läuft die Linie, mit der ich zuerst gefahren bin, die ihre nichtsichtbaren Fahrgäste zwischen den Bahnhöfen ihrer eigenen westlichen Welt transportiert. Nein, da gibt es keinen Zugang—ich schaue mich sorgfältig um—kein Zeichen seiner Existenz. Man kann nur vermuten, wo einst der Gang zu dem Leben jenseits führte, als es noch nicht gesperrt war. Ich fahre weiter bis Stadtmitte (noch einen Bahnhof, der seines Geistes beraubt wurde), zum jetzigen Ende dieser Linie, seitdem der Rest geschlossen ist. Im davon getrennten geisterhaften Teil—ich erinnere mich—habe ich zuerst die Frau getroffen, deren Verlobten ich jetzt suche.

Das ist natürlich nutzlos. Niemand passt zum Photo, obwohl ich den ganzen Nachmittag hin- und herfahre. Ich nehme sogar wieder die S-Bahn bis zum Ostkreuz. Ich hatte nie eine bessere Ausrede, einem Hobby zu frönen, das ich so schwer finde, anderen zu erklären.

Ich wünsche nur, sie hätte mir nicht die Adresse gegeben. Es ist wahr, sie hat mir gesagt, ich solle nicht dorthin gehen: “Das könnte alles verderben. Seine Eltern wissen nichts von mir, sie würden es nicht billigen”—aber ich glaube nicht, daß es sie noch beunruhigen würde. Ich bin im Begriff, den Zug zur Friedrichstraße zurück zum Westen zu nehmen. Es wird dunkel, aber vielleicht sollte ich wenigstens sehen, ob das Haus noch da ist. Auf meinem Plan finde ich die Köpenicker Straße, gleich neben einer geschlossenen U-Bahn-Station. Hier geht die westliche Linie durch, die auch unter dem Alexanderplatz läuft.   

 

“Ich bin Kurt Baumgartner”, sagt der Mann, der die Tür öffnet. Zerbrechlich, alt, übelriechend, aber ich erkenne ihn vom Photo. Das nicht erwartend, fällt es mir schwer, etwas zu sagen. “Anna Hofmeier”, erwidert er nach meinen durcheinander gehenden Erklärungen. “Oh, kommen Sie herein.”

Er führt mich eine steile Flucht von Stufen in eine schmuddelige Wohnung, überfüllt mit alten Möbeln, Familienbildern, Büchern—und an der Wand eingerahmt eine Karte, die nur ein alter Plan der Berliner U-Bahn and S-Bahn sein kann. Ich manövriere mich an den Plan heran, während er herumschlürft. Und ja, es ist ein Taschenfaltplan mit dem Streckennetz aus den dreißiger Jahren oder früher.

“Anna Hofmeier”, wiederholt er, indem er mir einen Stuhl zum Sitzen anbietet, den er von Zeitungen geräumt hat. “Ja, es gab damals eine Anna. Sie war doch nicht etwa schwanger von mir, nicht?”

“Ich... weiß nicht.” Er läßt sich in einen Sessel fallen gerade vor dem Plan, den ich noch über ihm an der Wand sehen kann, obgleich wir im Dunkeln sitzen. “Haben Sie etwas dagegen, wenn ich das Licht anmache?” Er schaltet eine Lampe neben seinem Stuhl ein. “Ja, das ist besser.” Ich erzähle ihm von Anna, wobei ich über seinen Kopf spähe und leicht genug den zentralen Teil des Systems erkenne mit der S-Bahn, die damals einen geschlossenen Ring um das Stadtzentrum bildete. Es gab in jenen Tagen mehr S-Bahn- und weniger U-Bahn-Linien, und ihre Fangarme spreizten sich nicht so weit.

“Sagte sie, ich wolle sie heiraten? Es ist möglich. Ich habe den meisten das gesagt. Keiner konnte damals für irgendetwas verantwortlich sein.” Die lockeren Hautfalten in seinem Gesicht formen sich zu einem Lächeln. “Oh ja, es gab viele. Alle Männer waren an der Front, aber mich hatte man nach Hause geschickt, nicht weniger ein Held. Man lebte für den Augenblick, ehe man im nächsten Moment in Stücke geblasen wurde. Und ich hatte meine Augenblicke, als ich jung war. Sie können das heute sich nicht denken.”

Ich versuche, die Streckenlinien auf der Karte hinter ihm zu verfolgen: Friedrichstraße in der Mitte, Alexanderplatz rechts davon. Peinlich berühren mich die Geständnisse der Liebesaffairen. 

Die Erinnerungen machen ihn gesprächig. “Ein Mädchen wurde schwanger. Und jetzt, der Wunsch ist noch da, aber die Möglichkeiten... ” Er schüttelt seinen Kopf.

Gibt es einen Weg, ihn von seinem Plan, der im Licht der Lampe über ihm funkelt, zu trennen? Was für eine Belohnung wäre das für mich, so denke ich, dafür, daß ich einer verrückten Frau helfe.

“So, es gibt noch eine, die lebt”, fährt er fort, indem seine Augen glänzen. “Ich möchte sie gern treffen. Nachdem ich 1946 geheiratet hatte, mußte ich aufpassen, daß keine von ihnen auftauchte! Meine Frau ist jetzt tot, und die Kinder kümmert’s nicht. Es könnte mir etwas geben, um wieder zu leben. Mal sehen, ob ich noch etwas vom alten Charme habe. Anna Hofmeier, sagten Sie?”

Er plappert weiter, sich einbildend, daß er wieder jung sei, während meine Augen die Strecke von Alexanderplatz nach Stadtmitte, die ich jetzt ausgemacht habe, verfolgen, dann weiter über den jetzt geschlossenen Teil von Potsdamer Platz zum Gleisdreieck.

“Sie schauen auf meinen Plan,” sagt er plötzlich. Vorwurfsvoll? Aber nein, er entscheidet sich, mir auch darüber zu erzählen. “Sie konnten mir nicht mehr trauen, weiter den Abzug zu ziehen, dafür ließ man mich Fahrkarten lochen. Ich hatte diesen Plan in der Nacht mit, als die Flut kam. Sehen Sie die Wasserflecken?”

“Das war, als Sie zuletzt Anna sahen,” sage ich erinnernd.

“So, das ist die eine,” sagt er wieder lächelnd. “Prächtiges rotes Haar und eine Figur... Ich dachte, sie wäre ertrunken. Noch ehe es mir gelungen war, mit ihr ins Bett zu gehen!” Er schüttelt seinen Kopf. “Dann waren die Russen da, die Besatzung... alles, was man denken konnte, war überleben. Jetzt, wenn auch... es wäre nett, sie zu sehen.”

Ich erinnnere ihn: “Sie waren dabei, mir von dem Plan zu erzählen.”

“Ja, gut. Ich wäre fast selber ertrunken. Man sagt, der Führer tat es. Die vielen ertrunkenen Leute... ich hätte es damals nicht geglaubt. Ich war vielleicht ein anderer Mensch.” Er seufzt. “Aber es gelang mir, zu einem Ausgang zu schwimmen. Danach fand ich diesen Plan in meiner Brieftasche, und ich dachte, gut, wenn es ihm gelungen war, mit mir zu überleben, dann hat er mir vielleicht Glück gebracht. Deshalb habe ich ihn getrocknet und aufbewahrt. Später habe ich ihn eingerahmt. Abergläubisch vielleicht, aber ich fühle, solange ihm nichts geschieht... ”

Ich will ihn aber haben, denke ich. Wie wunderbar wäre es für mich, einen solchen Plan zu besitzen. Wer weiß das schon? “Würden Sie ihn nicht verkaufen?”

Er hört es nicht. “Hat Anna immer noch dieselbe Figur und dasselbe rote Haare? Nein, natürlich nicht.”

“Ich gebe Ihnen hundert Mark. Zweihundert. Westmark.”

“Ich möchte gern sie sehen. Sagen Sie ihr das. Sie kann mich besuchen. Vom Westen her kann sie es.” Er flüstert vertraulich, “Ich habe noch immer das Doppelbett. Keine Angst, daß ich sie jetzt noch schwängere, eh?”

Es is abstoßend, ich möchte schreien. Vergiß sie, sie ist unbedeutend. Es sind nur D i n g e, die wichtig sind und zuverlässig. Sieh, wie die Untergrundbahn noch funktioniert, während Menschen, die man liebt, entweder tot oder verrückt sind, wie deine Anna? Ich prüfe meine Brieftasche. “Fünfhundert Mark!”

“Oder”—er ignoriert mich weiter—“es könnte auch für mich möglich sein, nach dem Westen zu gehen. Wenn man zu alt ist, um noch zu arbeiten, kümmert es sie nicht mehr.”

 “Schauen Sie, ich muß in mein Hotel zurückgehen und mehr Geld wechseln, aber ich kann morgen zurückkommen. Tausend Mark.”

Er winkt mit seiner Hand. Endlich hört er meine Worte, ohne zu verstehen, was ich sage. “Morgen? Wer weiß, ob wir morgen noch hier sind? Ich brauche kein Geld. Sagen Sie Anna, sie soll kommen und mich besuchen. Oder”, triumphierend zeigt er plötzlich auf ein Telefon, das auf einem Bücherhauben steht, “sie kann mich anrufen. Man sagt, von West- nach Ostberlin ist es nur ein Ortsgespräch. Von hier aus wird es als internationales Gespräch gezählt. Hier”, er zieht sich von seinem Stulh hoch, “ich werde etwas holen, um die Nummer aufzuschreiben.”

Er verschwindet im Schlafzimmer, wo ich ihn hin- und herschlürfen höre. Ich mustere den Plan. Wenn diesem nichts geschiet, wird auch ihm, seinem Besitzer, nichts geschehen. Das hat er gemeint. Aber das ist Unsinn. Jetzt weiß ich, daß mich das Schicksal hierher geführt hat. Warum sonst sollte ich dumme Dinge für eine verrückte Frau aus der Untergrundbahn tun? Heute, so erkenne ich froh, könnte zum Höhepunkt meines Lebens werden, auf den ich unbewußt seit meiner Kindheit warte--seit der Zeit, da ich noch sicher und glücklich bei meiner Großmutter war, als die Bahnhöfe auf dem Plan noch reel existierten und keine Geisterbahnhöfe wie heute waren. Jetzt habe ich endlich an der Wand vor mir gefunden, was ich so lange gesucht habe. Es wäre leicht unter meinem Arm zu tragen, wenn der alte Narr es mir nur verkaufen würde. Oder ich nehme es vielleicht einfach so weg—nur wie, ohne daß es bemerkt wird?

Er kommt mit der Telefonnummer auf einem Fetzen Papier zurück. “Hier sind Sie, Herr...  Auch wenn es ihr nicht ganz gut geht”, er pocht an seine Stirn, “sie soll mich anrufen. Oder schreiben. Dann kann sie mich besuchen. Es wird so einsam heutzutage.”

Ich würde gern helfen, wirklich, wenn er mir nur den Plan überließe. Aber dinge wie diese gibt man nicht preis. Hat der Plan ihm nicht das Leben in der Flut gerettet? “Zweitausend!” biete ich.

Ohne davon Notiz zu nehmen, sagt er: “Anna Hofmeier. Ja, die kleine Anna. Eine, die verloren ging. Nun, vielleicht kann ich etwas gut machen... ”

Ich halte es nicht länger aus. “Geben Sie ihn mir!” schreie ich, indem ich mich an ihm vorbeidrängele, so daß er rückwärts in den Sessel fällt. Ich nehme den Plan von seinem Platz an der Wand, worauf er die Hände vors Gesicht schlägt und stönt. Aber er tut nichts, um mich aufzuhalten. “Hier”, ich nehme das Geld, das in meiner Brieftasche ist, und werfe es ihm hin.

“Unser Vater, der du bist im Himmel... ” Er schließt seine Hände und beginnt zu stammeln. Das macht mich ärgerlich. Wann hat ein himmlischer Vater mehr als ein irdischer getan? Dann sehe ich ihn zwischen seinen Fingern zum Telefon gucken. Ich steige über ihn, um es zuerst zu erreichen, and reiße die Befestigung aus der Wand. Dabei bemerke ich, wie stark er riecht. Ich stürze an ihm vorbei zur Tür, während er mit seinen Augen den Plan verfolgt, den ich unter dem Arm trage. Dann laufe ich die enge Treppe hinunter, im Dunkeln fast fallend, hinaus auf die Straße, kurz innehaltend, um den Plan jetzt in beide Hände zu nehmen, damit er nicht herunterfiele und für immer verloren wäre.

   

Schnell zum nächsten Bahnhof!—über die Grenze an der Friedrichstraße, ehe er um Hilfe ruft. (Oder geht es auch am Potsdamer Platz, wo jene verrückte Frau wartet.) Ich schaue auf meinem Plan in seinem handlichen Rahmen: Heinrich-Heine-Straße hier an der Ecke, dann die S-Bahn vom Alexanderplatz. Aber wo ist der Bahnhof? Ich sehe mich um. Ist est möglich, daß mein Plan falsch ist? Ich schaue im Gehen darauf und eile weiter. Ich erreiche den Fluß, finde noch keinen Bahnhof, aber auf der anderen Seite kann ich schon oben die S-Bahn sehen. Natürlich (ich prüfe es auf meinem Plan) Jannowitzbrücke, und ich brauche nicht umzusteigen. Also über den Fluß und dann die Treppen hinauf. Ein Zug kommt gerade. Drei Haltestellen (Zeit, um meinen Plan wieder zu bewundern) und dann hinaus auf den Bahnsteig Friedrichstraße. Die Stufen hinunter auf die Straße, um das moderne Gebäude zu finden, welches den Zutritt nach Westberlin verbirgt (man nennt es—so habe ich gehört—das Glashaus oder auch das Haus der Tränen).

Der Posten vergleicht jedes Detail meines Gesichts mit dem Foto im Paß, als ob er meine inneren Geheimnisse untersuchen wollte. Ich halte meinen Plan unter meinem Arm.

“Was ist das?” fragt er.

“Mein Plan von der U-Bahn.”

Er brummt etwas, gibt mir meinen Paß zurück und öffnet die Schranke für mich zum Passieren. Ich fühle mich beim Weitergehen noch unsicher. Werden sie es verdächtig finden, wenn ich bei der Wahl des Weges zögere?

Ich entscheide mich für die S-Bahn oben und steige die Stufen hoch zu dem Ort, wo ich gerade angekommen war, außer daß ich jetzt auf der anderen Seite des trennenden Metallzaunes bin.

Während ich auf einen Zug warte, bemerke ich einen Grenzposten, der auf einer Fußgängerbrücke hoch oben in der bogenförmigen Kuppel des Dachs patroulliert, wo er den ganzen Bahnhof, die östliche wie die westliche Hälfte überblicken kann. Ein anderer Posten kommt zu ihm, vielleicht mit der Nachricht von dem Diebstahl. Was geschieht, wenn sie mich hier mit dem Plan unter dem Arm sehen? Dieser Teil gehört immer noch zum Osten, trotz aller westlichen Fahrgäste, die ihn bevölkern. Können sie mich jetzt noch aufhalten? Vorsichtig bewege ich mich hinter einen Erfrischungsstand, dann zurück in den Übergang. Ich werde die andere S-Bahn nehmen, die hier unter der Erde fährt und außerhalb der Sicht der patroullierenden Posten ist. Und natürlich—ich überprüfe es auf meinem Plan—ich kann direkt zum Potsdamer Platz fahren, wo ich jene verrückte Frau treffen werde, die kleine Anna, am Kiosk an der Ecke.

Drinnen im Zug fühle ich mich sicherer. Wir rattern scharf durch die Kurve am Bahnhof Unter den Linden—aber etwas ist nicht in Ordnung, wir halten nicht, wo wir doch immer halten! Gerade eben ein leerer Bahnsteig, die Lichte brennen schwach, gesperrte Stufen führen von oben herunter—und im Kontrollhäuschen eine Figur, die mich beobachtet, nach mir sieht. Wir fahren durch. Eine weitere Kurve führt zum Bahnhof Potsdamer Platz, wo ich aussteigen werde. Aber, ich glaube es nicht, wir werden nur langsamer und fahren vorbei. Und wieder ein verlassener Bahnsteig außer der wartenden Figur, die von dem Häuschen in der Mitte uns beobachtet...

Schnell, überprüfe es wieder auf dem Plan. Ja, wir hätten halten müssen: Pläne lügen nicht wie die Menschen. Da,  Friedrichstraße, Unter den Linden, Potsdamer Platz und als nächstes Anhalter Bahnhof. Und wenn wir dort auch nicht halten und weiter und weiter fahren für immer und ewig?

   

Es war der beste Tag, den ich in meinem Leben hatte. Wenn es nur mehr davon gäbe, im die Einsamkeit und Langeweile zu lindern.

Ich trage immer noch Kurts Papierschnitzel mit mir, da ich es der verrückten Frau nicht gegeben habe. Ich hatte überlegt, ob ich nicht versuchen sollte, sie zu finden, ob ich nicht nach Friedrichstraße zurückfahren und am Kontollpunkt auf sie warten sollte—ich hätte wirklich gern geholfen. Aber dort ist Ostberlin mit seinen beobachtenden Grenzposten, sie könnten noch die Karte unter meinem Arm bemerken. Und dann, fiel mir ein, warum ihr die Nummer von Kurt geben, wenn er kein Telefon mehr hat: ich habe die Verbindung zerstört, ehe ich ihn verließ. Sie ist ohnehin verrückt. Wer würde schon eine verrückte Person lieben?    

 Ich sah sie noch einmal. Ich fuhr vom Nord nach Süd mit der Geisterlinie, die unter dem Alexanderplatz entlang führt. Ich habe sie zu meiner Lieblingsstrecke erkoren. Bernauer Straße,

Rosenthaler Platz, Weinmeisterstraße, Alexanderplatz, wo nichts weiter als der stille Beobachter in dem Wärterhäuschen mich an den Umsteigebahnhof erinnert, auf dem ich einmal stand. Dann kommt Jannowitzbrücke—ich könnte zur S-Bahn umsteigen, wenn das möglich wäre—dann Heinrich-Heine-Straße. Sie stand an der Tür und jammerte jedes Mal, wenn wir durch einen Bahnhof fuhren. “Warum halten wir nicht? Wir halten doch immer.” Am Alexanderplatz waren ihre Augen voller Tränen. “Hier muß ich aussteigen, um meinen Kurt zu finden.”

Ich wußte es besser. Bahnhof Heinrich-Heine-Straße an der Ecke zur Köpenicker Straße wäre für sie richtig. “Sieh”, zeigte ich ihr stolz die Karte von Kurt, als wir durchratterten. “Hier gibt es wirklich einen Bahnhof, er existiert tatsächlich. Pläne lügen nicht, wissen Sie.” Es erregt mich jedesmal, wenn ich daran denke, wie ich diesen Bahnhof einmal vergeblich suchte. Und ich stelle mir einen dunklen Raum vor in einer nichtzugänglichen Welt über mir, darin einen alten Mann, der auf eine leere Wand starrt. Aber warum soll ich ihr das erzählen? Vielleicht lebt er schon nicht mehr.

   

Ich packe fester meinen Plan. Ich nehme ihn jeden Tag mit (als meine Eltern mir einen Schilling geben, damit ich ihnen nicht im Wege bin) und verfolge darauf jeden Bahnhof, durch den wir fahren. Nicht daß ich ihn brauche, denn ich kenne jede Windung und Kurve in dieser herrlichen Untergrundweld. Zum Beispiel die U-Bahn-Strecke: Stadtmitte, Französische Straße,

Oranienburger Tor, Stettiner Bahnhof (einige Leute nennen ihn jetzt Nordbahnhof)—soll ich fortfahren? Ich könnte auch noch die S-bahnhöfe aufzählen, wenn es gefällt.

Die Fernzüge auf den Hauptstrecken laufen manchmal parallel zur S-Bahn. “Deutsche Reichsbahn” steht an ihren Seiten, so wie es bereits in den dreißiger Jahren oder früher dort stand. Andere Züge laufen direkt durch Ostdeutschland wieder zur westlichen normalen Welt. Reisende steigen in Friedrichstraße ein oder am Bahnhof Zoo im Westen. Man kann die Posten beobachten, wie sie unter die Züge kriechen, auf die Decke klettern und durch die Züge kontrollieren. Ich erweitere meine Sammlung auch auf die Hauptstrecken der Eisenbahn, wie man sieht. Man sollte nicht zu eng begrenzt bleiben, sage ich immer.

Ich möchte einen solchen Zug nehmen, wenn ich endgültig Berlin verlasse, aber erst dann, wenn ich überzeugt bin, daß sie mich nicht mehr suchen. Inzwischen muß ich noch vorsichtig sein, im Fall sie sehen meinen Plan. Ich kann das nicht riskieren. Wie könnte ich noch weiterleben ohne meinen Plan? 

A.Colin Wright's novel Sardinian Silver can be ordered from any bookstore, from www.amazon.com and other amazon sites, www.barnesandnoble.com, and www.iUniverse.com. 


Web Site: www.acolinwright.ca  

Reader Reviews for "Geisterbahnhöfe (Translation of Ghost Stations)"


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Reviewed by Peter Schlosser (Reader) 8/16/2009
Ich bin gerade aus Berlin zureuckgekehrt und kenne die Bahnhoefe, die in der Geschichte dargestellt werden, aus erster Hand. Was fuer eine Ueberraschung, so etwas bei dieser Website zu finden. I also thought much about the old stations (like the Anhalter Bahnhof)and imagined them back in their prime. By the way, I can tell you the area just west of the facade of the Anhalter Bahnhof is now a soccer field. Great stuff. Love the obsession with the old subway plan and how he rams his way past the guy to rip it off the wall and abscond with it back to the west. Very much enjoyed. Alles Gute!!
Reviewed by JASMIN HORST SEILER 5/2/2009
Ein reichend spannender durchzug des Lebens, mit geistlischer Hand gefuehrt, reich an Fetzen von Lebenstuecken von einer Welt lange vergessen, a totally awesome write! Jasmin Horst

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